Systemische Haltung: Mehr als nur Fragetechniken
Warum systemisches Arbeiten bei der inneren Haltung beginnt – und nicht bei der perfekten Frage
Systemisches Arbeiten – viele denken dabei zuerst an besondere Fragetechniken, Aufstellungen oder das Einbeziehen aller Systeme des Klienten. An zirkuläre Fragen, Skalierungen, Perspektivwechsel. Das gehört alles dazu, keine Frage. Für mich beginnst systemische Arbeit woanders: bei der Haltung.
Und diese Haltung macht einen riesigen Unterschied – im Alltag, in der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, aber auch in unserem eigenen Leben.
Haltung prägt Realität
Stell dir zwei Lehrkräfte vor, die in derselben Klasse unterrichten:
Die eine Lehrkraft hat eine positive Grundhaltung ihren Schülern gegenüber. Sie kann in jedem Schüler Stärken sehen und für jeden Ressourcen benennen. Bei ihr verläuft der Unterricht meist ruhig und alle Schüler mit.
Die andere Lehrkraft in derselben Klasse hat die Grundhaltung, dass die meisten Schüler keinen Bock auf Schule haben, faul und dumm sind.
Was denkst du, wie es in dieser Unterrichtsstunde aussieht?
Genau. Die Haltung prägt, was wir sehen, wie wir reagieren und letztlich auch, wie sich die anderen verhalten.
Haltung wirkt – auch auf uns selbst
Genau so geht es auch uns im Alltag. Im Leben miteinander. Im Berufsleben, mit Geschäftskollegen. Manchmal erkennen wir diese Mechanismen auch im Nachhinein aus unserer eigenen Schulzeit.
Bei mir ist es der Glaubenssatz „Ich kann kein Englisch", der weiterhin nachhallt - auch noch heute. Dieser Satz kommt von einem Lehrer, der genau dies glaubte – und mich entsprechend behandelte. Seine Haltung mir gegenüber wurde zu meiner Haltung mir selbst gegenüber.
Das zeigt: Haltung ist nichts Abstraktes. Sie wirkt. Konkret. Täglich. Noch wichtiger ist, dass uns bewusst wird, dass unsere Haltung Einfluss auf andere Menschen haben kann.
Was ist systemische Haltung?
Systemische Arbeit nutzt verschiedene Methoden: Aufstellungen machen Beziehungen und Dynamiken sichtbar. Wir beziehen alle Systeme ein, in denen der Klient lebt – Familie, Arbeit, Freundeskreis. Aber diese Methoden funktionieren nur, wenn die Haltung dahinter stimmt.
Systemische Haltung bedeutet, Menschen und Situationen nicht isoliert zu betrachten, sondern in ihren Beziehungen und Kontexten. Sie zeigt sich in grundlegenden Überzeugungen:
- Neugierig statt wissend: Ich weiß nicht, was für den anderen richtig ist – ich kann fragen.
- Ressourcen statt Defizite: Was kann jemand? Nicht nur: Was fehlt?
- Verschiedene Perspektiven als gleichwertig: Meine Sicht ist eine von vielen möglichen.
- Keine fertigen Lösungen: Es gibt nicht die eine richtige Antwort.
Diese Haltung ist kein Konzept, das man lernt und abhakt. Sie entwickelt sich. Und sie verändert, wie wir arbeiten – und wie wir leben.
Haltung zeigt sich im Alltag
Systemische Haltung ist keine große Theorie. Sie zeigt sich in kleinen, alltäglichen Momenten:
In der Sprache:
Statt „Der Schüler will nicht" → „Der Schüler kann gerade nicht"
Statt „Das klappt nie" → „Wann hat es schon mal geklappt? Was war da anders?"
In der Neugier:
Statt Annahmen zu treffen → Fragen stellen
Statt zu interpretieren → verstehen wollen
Im Blick auf Ressourcen:
Statt „Was läuft alles schief?" → „Was funktioniert trotzdem?"
Statt „Was fehlt?" → „Was ist schon da?"
Der Unterschied zwischen Methode und Haltung
Ich kann die perfekte systemische Frage stellen. Aber wenn ich innerlich schon weiß, was „das Problem" ist und wie „die Lösung" aussieht, ist die Frage nur Technik.
Natürlich haben wir meist Hypothesen im Kopf – und das ist auch okay. Das macht uns aus, schließlich sind wir kein unbeschriebenes Blatt. Hypothesen sind Arbeitsvermutungen, die wir überprüfen. Sie können auch wieder verworfen werden. Bei Wissen sieht das etwas anders aus: Wissen schließt andere Möglichkeiten aus. Hypothesen lassen Raum.
Systemische Haltung bedeutet: Ich weiß es eben nicht. Meine Hypothese kann, muss aber nicht stimmen. Und das ist okay.
Die Person vor mir ist Expertin für ihr Leben. Meine Aufgabe ist es, Raum zu geben, neue Perspektiven anzubieten, Zusammenhänge sichtbar zu machen – nicht, fertige Lösungen zu liefern.
Das ist der Kern systemischer Arbeit: Begegnung auf Augenhöhe.
Wie entwickelt sich systemische Haltung?
Systemische Haltung kann man nicht aus einem Buch lernen. Sie entwickelt sich durch:
- Reflexion: Welche Vorannahmen bringe ich mit? Wo bewerte ich schnell? Habe ich wirklich verstanden?
- Perspektivwechsel üben: Wie würde die andere Person das sehen? Welche Perspektiven könnten eingenommen werden?
- Eigene Haltung hinterfragen: Wo will ich „helfen" – und übernehme damit Verantwortung, die nicht meine ist? Ist es mehr Unterstützung, wenn jemand seine eigene Lösung verfolgen kann?
- Fehler machen dürfen: Systemisch arbeiten heißt auch, nicht perfekt sein zu müssen.
Warum Haltung den Unterschied macht
Menschen merken, ob ich wirklich neugierig bin oder nur eine Technik anwende. Ob ich ihre Sichtweise wertschätze oder insgeheim denke, dass ich es besser weiß.
Haltung ist spürbar. Und sie verändert alles.
Zurück zu den zwei Lehrkräften: Beide arbeiten mit denselben Schülern. Aber ihre Haltung schafft unterschiedliche Realitäten. Die eine ermöglicht Lernen, Motivation, Selbstwirksamkeit. Die andere verstärkt Frust, Verweigerung, Resignation.
Das gilt nicht nur in der Schule. Das gilt überall, wo wir mit Menschen arbeiten.
Dein erster Schritt
Wenn du systemische Haltung für dich entdecken möchtest, fang klein an.
Nimm dir eine Situation vor, die dich gerade beschäftigt. Stell dir diese Fragen:
- Was weiß ich wirklich über diese Situation – und was sind meine Annahmen?
- Welche anderen Perspektiven könnte es geben? Welche anderen Annahmen?
- Was funktioniert in diesem System bereits? – alles was funktioniert, ob dies kleine oder große Dinge sind
- Wenn ich nicht die Lösung hätte – was würde ich dann fragen? Welche Fragen wären hilfreich?
Systemische Haltung wächst mit der Zeit. Mit jeder neugierigen Frage. Mit jedem Moment, in dem wir unsere Bewertungen zurückstellen und wirklich zuhören.
Lust, tiefer einzusteigen?
Systemische Haltung lässt sich am besten im Austausch entwickeln – mit anderen, die auch auf dieser Reise sind.
Unser Einführungsseminar „Systemisches Arbeiten" bietet genau das: Raum zum Ausprobieren, Reflektieren und gemeinsam Wachsen. Mit etwas theoretischem Hintergrund und viel praxisnaher Arbeit.
Du möchtest dich mit Kolleg:innen austauschen? Schau dir auch unsere kostenlose kollegiale Beratung an – begleitet, strukturiert und mit systemischem Blick.
Wie gehst du mit Haltung in deiner Arbeit um? Schreib mir gerne deine Gedanken!
